Die Trennungslinie

Die weltweite Protestkultur in der Kunst Lisa Chandlers

Eine umfangreiche Serie von Gemälden zum Thema staatsbürgerlicher Protest ist das Ergebnis von Lisa Chandlers Arbeit der vergangenen zwei Jahre. Monumentale Ge­mälde und Miniaturen auf Leinwand bestimmen dieses neue, künstlerisch überragende und gesellschaftskritische Oeuvre unter Verwendung verschiedenster Materialien und Techniken, Collagen und der erst seit kurzem von ihr angewandten Monotypie beziehungsweise „Monoprint“. 

Im monumentalen Gemälde The Language of the Unheard (Die Sprache der Unbeachteten), welches sie 2018 in Leipzig malte, sehen wir eine ungeheure Schlacht – eine Schlacht zwischen Licht und Finsternis, zwischen Hoffnung und Verzweiflung, zwischen Demonstranten und bewaffneten Polizisten in Vollmontur. In seiner Intensität, in seiner Ansammlung von Körpern und durch strenge, formale Strukturen wie klare, ausdrucksstarke Diagonalen erinnert es an Picassos Guernica(1937). Im Gegensatz zum spanischen Künstler trennt Chandler die beiden Seiten deutlich voneinander und setzt Farben ein, wobei die Dynamik zwischen hell und dunkel bei ihr ebenfalls evident und vorherrschend ist. Während wir in Picassos Meisterwerk die Opfer und deren Leiden sehen, zeigt uns Chandler beide Seiten. Spannend und vielsagend erscheint es, wenn in ihrer Anordnung Picassos berühmte Lichtbringerin formal mit einem Polizisten im Vordergrund korrespondiert.

Bildaufbau und -genese unterfütterte Chandler mit einem schriftlich klar formulierten Plan mit der Absicht, die Kontraste stärker herauszuarbeiten: So sind ihr zufolge Hass und Verzweiflung mit Chaos verbunden. Hass beschreibt sie als Gefühl tiefen Missfallens, starker Abneigung und Feindseligkeit, während Verzweiflung für den Verlust von Hoffnung stehe. In den kulminierenden Worten „Welcome to Hell“ vereinen sich die beiden Aspekte. Auf der anderen Seite beschreibt Chandler die Basis, auf welcher die Hoffnung begründet wird, welche der Glauben, der voller Erwartung und Freude nach vorne gewandte Blick, und die hoffnungsvolle Überzeugung, dass sich die Dinge zum Besten wenden werden sind. Es gibt soviel tiefe Spaltung und Teilung in dieser Welt! Sei es nun zwischen arm und reich, zwischen schwarz und weiß, zwischen Männern und Frauen, links und rechts, Zerstörung, Ausbeutung und Schutz und wie gesagt zwischen Hoffnung und Verzweiflung, zwischen Liebe und Hass. Um diese „Dividing Lines“, die man mit Trennungslinie oder Grenze übersetzen kann, zu visualisieren, arbeitet sie wie bereits erwähnt mit markant gezeichneten Diagonalen und zudem mit dem Kontrast zwischen Helldunkel, Schwarzweiß sowie durch die Ambivalenz zwischen Figuration und Abstraktion. Konsequenterweise gehen die Diagonalen insbesondere aus den Schlagstöcken und Schilden der Polizisten hervor, gleichzeitig aber auch durch abstrakte, auf gegenständlicher Ebene nicht definierbare Elemente, welche an die mittelalterlichen Lanzen eines Paolo Uccello in dessen Schlachtengemälden  erinnern.

Rein technisch betrachtet zeichnet sich das Gemälde The Language of the Unheard durch seine abstrakte Grundlage aus ersten Schichten aus, in welche die Figuren erst im Lauf der Arbeit eingefügt wurden, wobei Chandler bei jedem Kunstwerke einen anderen Ansatz verfolgt. Teilweise beginnt sie mit einer Figur und gestaltet den Umraum um sie herum und ein andermal malt sie wie oben beschrieben zunächst den Raum und fügt in diesen die Gestalten ein. Grundsätzlich tendiert Chandler dazu, ihre Bilder wieder und wieder zu übermalen, Details kommen und verschwinden zu lassen, bis sie mit dem Resultat zufrieden ist. Somit beinhaltet jedes ihrer Gemälde zahlreiche je nachdem verborgene, sichtbare und durchschimmernde Schichten. Dies verleiht ihren Gemälden eine spezielle, bedeutungsvolle Tiefe und das Auge überaus ansprechende, divergente Oberflächen.

Bei Chandlers Bild The Bystander(Der Zuschauer) handelt es sich um ein zwischen Abstraktion und Figuration oszillierendes Gemälde, in welchem wir einige Figuren dechiffrieren können – dechiffrieren, da sie teilweise mehr verborgen denn sichtbar zu sein scheinen. Eine stehende Person hält sein Smartphone in der Hand und um sie herum liegen mindestens acht Personen auf dem Boden. Bewegungslos. Vielleicht sind sie schwer verwundet, oder sogar tot. Wir als Betrachter werden es nicht erfahren, aber der Zuschauer ist offensichtlich nicht daran interessiert, den Opfern unmittelbar zu helfen. Möglicherweise ist er damit beschäftigt, den Notruf zu wählen, oder fotografiert und dokumentiert er die Verletzten und das Geschehen lediglich, wie das heutzutage häufig geschieht? Manchmal scheint es gar, als ob Menschen Mühe hätten, zwischen der Realität und der gefilmten Realität auf dem Bildschirm zu unterscheiden. Der Zuschauer als Gaffer, der seine Neugierde befriedigt?

Sowohl in The Bystanderwie auch in Five Minutes of Famebezieht sich Chandler stark und in doppelter Weise auf die französische Kunst des 19. Jahrhunderts: sowohl formal als auch technisch. In beiden Gemälden sehen wir auf dem Boden liegende Tote oder Schwerverletzte. Dieses Motiv befindet sich in einer langen kunsthistorischen Tradition der Darstellungsweise von Todesopfern, ohne Rücksicht auf Chronologie und Vollständigkeit beispielsweise in Jean-Léon GérômesDer Tod des Marshall Ney (1868), Edouard Manets Barrikade (1871), Picassos Guernica, bis zu Jeff Walls Citizen (1996), eine Fotografie, welche keinen Toten zeigt, jedoch die gleiche extreme Perspektive beziehungsweise Froschperspektive verwendet. Manet bildet in einer Lithographie ein Opfer der blutigen Niederschlagung der Pariser Kommune ab. In dieser bezieht er sich auf ein eigenes, früheres Gemälde, seinen Toten Torero (1864/65), welches eindeutig in Bezug zu Diego Velázquez' Totem Soldaten (1635–1640) und/oder einem italienischen Gemälde aus dem 17. Jahrhundert steht. Dieses ähnelt in seiner Darstellung Velázquez Gemälde sehr und trägt den Titel Der Tote Soldat (Orlando Muerto).7 Beide Werke befinden sich in der Londoner National Gallery.

Warum nun sollte die Verbindung zur französischen Kunst des 19. Jahrhunderts betont werden? Diese kleine, unbekannte Lithographie Manets, welche eine Szene der Pariser Commune in ihrer dramatischen letzten Phase zeigt, kann in ihrer historischen Ausgangslage mit der gegenwärtigen Protestkultur verglichen werden. Damals, im Jahr 1871 gingen die Menschen in Paris auf die Straße, um eine radikal sozialistisch und revolutionär aufgebaute Gesellschaft durchzusetzen. Doch bestand die „Commune“ nicht lange. Von der Regierung wurde sie nach nur zwei Monaten niedergeschlagen. In der „Blutigen Maiwoche“ wurden zum Schutz der Commune erst zu spät Barrikaden gebaut und die Kommunarden in den folgenden Tagen durch die Armee brutal massakriert. Hoffentlich und sicherlich werden die heutigen weltweiten Proteste dagegen in einer friedlichen Weiterentwicklung und Veränderung der globalen Ordnung münden, hin zu mehr Gerechtigkeit, Gleichheit, Umweltschutz und offenen Demokratien.

Heute haben wir, erneut in Frankreich, die starke Protestbewegung der „Gilets Jaunes“, und dazu so viele andere Protestbewegungen rund um den Globus – gegen den Kapitalismus, Neoliberalismus und für mehr Demokratie, gegen Sexismus, Rassismus, Speziesismus, für Freiheit, Gleichheit, Geschlechter- und finanzielle Gerechtigkeit, und nicht zu vergessen für den Umwelt- und Klimaschutz. In den letzten Jahren nehmen Proteste weltweit zu.8 Man denke nur einmal an so exponierte Personen wie die damals fünfzehnjährige schwedische Schülerin und Klimaaktivistin Greta Thunberg, welche wochenlang vor dem Parlament streikte. Auf der UN-Klimakonferenz sagte sie im Dezember 2018: „Wir sind nicht hierhergekommen, um die Weltspitze darum zu bitten, sich zu kümmern. Ihr habt uns in der Vergangenheit ignoriert, und ihr werdet uns erneut ignorieren. Uns sind die Ausreden und Entschuldigungen ausgegangen und uns geht die Zeit aus. Wir sind hierhergekommen um euch mitzuteilen, dass die Veränderung kommt, ob es euch nun gefällt oder nicht. Die wahre Macht gehört den Menschen.“9 Thunberg erhöhte das Problembewusstsein und ihr Vorbild rief weltweit eine große Anzahl weiterer Schulstreiks für das Klima hervor.

Für ihre Kunstwerke arbeitet Chandler mit Bildern aus den Medien und dem Internet. Ihre Quellen und die Hintergründe des jeweiligen Protests lässt sie dabei ganz be­wusst offen. In ihrer sich stets weiterentwickelnden Darstellungsweise wurde Chand­ler vor kurzem auf das „Trace Monoprinting“ aufmerksam, eine von Paul Gauguin entwickelte Unterform der Monotypie – ein Hybrid zwischen Zeichnung und Druck­technik. Dieses Verfahren lässt sowohl ein positives als auch negatives Bild entste­hen. Chandler verwendet beide. Paul Gauguin beschrieb die Methode im März 1902 in einem Brief an seinen Gönner Gustave Fayet: „First you roll out printer’s ink on a sheet of paper of any sort; then lay a second sheet on top of it and draw whatever pleases you. The harder and thinner your pencil (as well as your paper), the finer will be the resulting line.“10 Die „Leftovers“ beziehungsweise Rückseiten ihrer Drucke verwendet Lisa Chandler für Collagen. Diese Negativbilder auf braunem Backpapier klebt sie später als Collagen auf Papier. Grundsätzlich setzt sie eine enorme Band­breite an Techniken ein, darunter Monoprint (auf Glas), „Ghost Print“ (den zweiten Druck), sie kratzt und schneidet mit einem Messer auf der Leinwand oder Papier, verwendet Malerrollen, tropft, spritzt und schüttet flüssige Acrylfarbe. Sie sprüht auch in Graffiti-Manier, wie unter anderem in dem Gemälde Five minutes of fame zu sehen. Doch das ist noch nicht alles. Vor kurzem begann Chandler für ihre Kunstwer­ke Schablonen eines online erworbenen Protest-Stencil-Toolkits zu verwenden. Dies komplettiert ihre visuelle Sprache, um die globale Protestbewegung wirkungsvoll ins Bild zu setzen.

Auf die global zunehmende Protestbewegung, und damit ihr neues Thema, wurde Chandler zum ersten Mal durch die neuere Geschichte Leipzigs aufmerksam, wo sie seit einiger Zeit ihren Zweitwohnsitz hat. 1989 war Leipzig das Zentrum der friedlichen Revolution. In den vergangenen fünf Jahren nahmen die Proteste zu, und zwar weltweit. Vor kurzem veröffentliche die Zeitung „The Guardian“ einen Artikel unter folgendem Titel: „We are living through a golden age of protest“. Darin wird der enorme Zuwachs an Protesten und Demonstrationen in den USA, seitdem Donald Trump das Amt des US-Präsidenten übernommen hatte, beschrieben.11 Nie zuvor in der US-amerikanischen Geschichte fanden so viele und so große Demonstrationen statt. Nie. Niemals zuvor. Es ist gut! Es ist groß! Wie Trump es ausdrücken würde, handelte es sich denn um ein anderes Thema. Aber wichtig ist vor allem: Es kann mit Zahlen verifiziert werden. Selbst wenn man das Bevölkerungswachstum berücksich­tigt, gingen prozentual betrachtet zuletzt wohl mehr Menschen auf den Straßen als auf dem Höhepunkt des Vietnamkrieges. Mit bis zu 4,6 Millionen Teilnehmern war der „Women's March” 2017 und 2018 die mit Abstand größte Protestkundgebung der US-Geschichte, hinzu kommen die Proteste gegen Waffengewalt, wobei am „March for Our Lives“ bis zu zwei Millionen Menschen teilnahmen, sowie der „March for Science“, an dem ungefähr eine Million demonstrierten, hervorgerufen durch die Haltung von Donald Trumps Regierung auf Wissenschaft und Klimawandel ... Insgesamt wird die Zunahme an Protesten schon allein durch eine rasche Googlesuche offensichtlich, wo man auf Überschriften wie diese stößt: „What are the meanings behind the worldwide rise in protests? What trends can we decipher when it comes to modern protests? Is there a pattern to the grievances that helps to explain the current spike in protest? (...)”12. Australien, Frankreich, Belgien, überall brodelt es … Im Januar traten 200 Millionen Menschen in Indien für zwei Tage in einen Generalstreik, um gegen die Regierung und die schlechten Arbeitsbedingungen aufzubegehren. Und auch in Deutschland gab es zuletzt massive Bewegungen für den Klimaschutz, gegen die Agrarindustrie, gegen den weiteren Kohleabbau, für den Schutz des Hambacher Forstes. Mit „Friday for Future“ gelangte auch der weltweite Schulstreik für das Klima nach Deutschland und mobilisierte hier zehntausende Schüler. Überall auf der Welt müssen junge Menschen zutiefst beunruhigt sein, was ihre Zukunft betrifft.

Von Anfang an interessierte sich Chandler für Menschen im städtischen Raum und wie sie diesen verändern. Für einige Jahre war dies das Hauptthema ihrer Malerei. Bis sie 2016 in Leipzig unbeabsichtigt in eine dramatische, von Gewalt bestimmte Demonstration geriet. Als sie die Kunsthalle G2 in Erwartung einer entspannten Vernissage betrat, war alles ruhig, doch als sie das Gebäude später verließ befand sie sich schlagartig in einem massiven Tumult aus aufgebrachten Demonstranten und mit Maschinengewehren und Pfefferspray bewaffneten Polizisten. Dies war ein Wendepunkt in Chandlers künstlerischer Arbeit und in ihrer Wahrnehmung der Welt, als ihr klar wurde, wie schnell sich der urbane Raum von einer alltäglichen Erfahrung hin zu etwas geradezu Jenseitigem verändern kann. Seitdem konzentriert sie sich zunehmend darauf, „Die Sprache der Unbeachteten“ wiederzugeben, jenen Unbeachteten, welche sich auf der Straße Sichtbarkeit verschaffen und den Mächtigen „Stop, Stop, Stop“ entgegen schreien! Konsequent widersteht Chandler hierbei der Versuchung, Bilder mit einer politischen Schlagrichtung zu malen. Im Gegenteil schafft sie in ihren Gemälden eine künstlerisch überzeugende Distanz und eine inhaltlich Abstraktion, indem sie die Protestkultur von ihrem konkreten Hintergrund befreit. Sie bleibt ihrer meisterhaften künstlerischen Handschrift treu und erlaubt dabei keiner der Parteien, sie für sich zu vereinnahmen.

© Dr. Sara Tröster Klemm, 2019